Sein Schöpfer hätte es sich seinerzeit kaum träumen lassen, dass mehr als ein halbes Jahrhundert später eine seiner Kreationen ein bemerkenswertes Revival in den Küchen landauf, landab erleben würde.

So einfach in der Machart, wie sich einst der deutsche Fernsehkoch der ersten Stunde, Clemens Wilmenrod, anno 1955 seinen Toast Hawaii vorstellte, so einfach ist auch das Erfolgsrezept des mit einer Ananas- und Schmelzkäse-Scheibe belegten Toastbrotes mit drei Schlagwörtern zu umreissen: Einfach, schnell, exotisch.

Ein Quantum Toast

Wie Riz Casimir, Pastetli mit Brätkügeli oder all die anderen Leckereien aus Omas und Uromas Küche, so ist auch der berühmte Toast mit der Cocktailkirsche im Zentrum allen Genusses ein kulturhistorisches Konglomerat verschiedener Einflüsse seiner Zeit.

Noch Jahre vor einem erwachenden, gesteigerten Qualitätsbewusstsein, das sich Mitte der 50er Jahre in einer wachsenden Feinschmeckergemeinde breitmachte, legten Mangel, Notstand und Entbehrung der Nachkriegswirren die Spielregeln am Kochherd fest. Sie fanden ihren lebhaften kulinarischen Ausdruck in einem aus der Not geborenen Erfindungsreichtum, der sich an Kreationen wie dem Toast Hawaii oder einem Zigeunerschnitzel ausleben musste und auch durfte.

Man nehme eine Portion amerikanische Lässigkeit (Toastbrot), ein traditionelles Stück Schweizer Genussidentität (Käse) und eine Prise Exotik (Ananas) – und verwandle das Ganze zu einem neuartigen Ganzen, das sich in Anschaffung und Zubereitung als ausgesprochen praktikabel erweisen sollte.

Die Verheissung, die dabei aus der Konserve kam, versprach seinerzeit Weltläufigkeit und ungeheuren Luxus, scheinbar fern jeder Schweizer Lebenswirklichkeit. Die Ananas war eine Sensation und wurde als Toast Hawaii Gesamtkunstwerk – welch Wunder – erstmalig am Flughafenrestaurant Kloten einem staunenden Publikum dargereicht. Der Toast Hawaii war salonfähig geworden, der Weg aus den helvetischen Küchen und Stuben hinein in die grosse, weite Welt war geschafft.

Obstkonserven gab es ja bis dato bereits reichlich, Käse sowieso, lediglich die Beschaffung von Weizentoast dürfte noch ein gewisses Mass an logistischer Herausforderung bedurft haben. Das Ganze in Sekunden belegt und ab in den Ofen damit: Fertig war das heimisch-exotische Potpourri, mit dem nicht nur gute Freunde auf Besuch überrascht wurden.

Und: Wer es sich leisten konnte und aus seinem wachsenden Wohlstand keinen Hehl machen wollte, der fügte einfach noch eine Schinken-Scheibe hinzu. So lässt das Erfolgsrezept des schnell zubereiteten, süss-salzigen Imbisses erklären, das ihn innert kurzer Zeit zur Kultspeise der 1950er- und 1960er-Jahre machte.

Symbiose aus kulinarischer Gaumenfreude und regionalen Spezialitäten

So erfindungsreich sich die einfache Schweizer Küche der Nachkriegsjahre verschiedener exotischer Einflüsse bemächtigte und sie in die regionale Kulinarik zu integrieren versuchte, so bewusster wurden sich die Schweizer Gastronomen in der Folgezeit hinsichtlich gewachsenen Qualitätsanspruchs ihrer Gäste.

Mit wachsendem Wohlstand wurde es salonfähig, sonntags oder feiertags in einem Speiselokal oder einer Gaststube gepflegt zu speisen. Der wachsenden Nachfrage nach einem erlesenen Dreiklang aus Qualität, Kreativität und Gastlichkeit wurde in der Folgezeit mit der Gründung der Gilde Rechnung getragen – einem Zusammenschuss mehrerer Schweizer Gastronomen.

Die Grundidee der Gilde war und ist es, klare gastronomische Strukturen und verbindliche Qualitätskriterien zu schaffen. Als oberste Priorität sahen sich ihre Mitglieder in besonderem Masse der Maxime verpflichtet, dass der Gast nun mal König zu sein hat.

Der 1954 gegründete Bund begann damit, die Maggi-und Worcestershiresauce-Fläschchen von den Esstischen in einer anfänglich überschaubaren Reihe von Gilde Restaurants in der Schweiz dezent vom Tisch verschwinden zu lassen.

Konserven-Lebensmitteln wurde der Kampf angesagt. Statt eingedosten Paprika in einer Fertigsosse zum Zigeunerschnitzel sollte fortan ein frisch zubereitetes Gemüse-Pendant in Sossen-Eigenkreation seinen Weg auf die Teller finden.

Die Gilde, der sich eine wachsende Zahl an Gastronomiebetrieben in den Folgefahren anschloss, wurde fortan immer mehr zu einer „Orientierungshilfe“ und damit zu einem eigentlichen Qualitäts- und Markenzeichen der Gastronomiebranche. Damit sie das bleiben durfte, unterlag sie im Laufe der Jahrzehnte einem steten Wandel und musste sich immer wieder neu erfinden und den jeweiligen Food-Trends anpassen.


Toast Hawaii (Bild: © Magnago - shutterstock.com)
Toast Hawaii (Bild: © Magnago – shutterstock.com)

Des Kaisers neue Kleider

So wie sich die Gilde an wandelnde Trends und an sich verändernde kulinarische Erwartungen eines aufgeschlossenen Publikums im Laufe der Jahrzehnte anpassen musste, so ist auch der Toast mit der exotischen Beilage längst nicht mehr immer nur das, was er ursprünglich mal war.

In den Siebziger bis Neunziger Jahren trat der Toast, den es nicht auf Hawaii gibt, zunächst seinen kulinarischen Dornröschenschlaf an. Als immer gleiches, langweiliges Gericht fristete der billige Sattmacher sein kulinarisches Nischendasein in unzähligen Kneipen und Gaststätten, ganz besonders aber in den zu der Zeit beliebten Partykellern und Kegelvereinen.

Spätestens seit den 2000er Jahren neu entdeckt, ist die Toastscheibe mit der Kirsche mittlerweile erwachsen geworden, und erobert im ständig neuen Retro-Retrogewand auch wieder die gehobene Küche – mindestens dabei mit einem Salatblatt als Unter-oder Beilage.

So wie der 1952 erstmals von Mövenpick-Gründer Ueli Prager in einem seiner Restaurants vorgestellte Riz Casimir nicht mehr nur in seiner klassischen Zusammensetzung – Reis, geschnetzeltes Kalbfleisch, Curryrahmsosse, rote Peperoni-Streifen, Bananen– und Ananasstücke – auf die Teller kommt, so besticht auch der moderne Toast Hawaii durch kreativen Variantenreichtum.

Frisch, vegan und modern

Die frischere Küche der neuen Gastro-Generation artikuliert sich etwa in einer Vollkorn- und Vitalbrot-Unterlage, frei von Milchbestandteilen, Konservierungsstoffen und ohne glutenfreie Weizenstärke, die einer wachsenden gesundheitsbewussteren Fangemeinde entgegenkommt.

Eine mediterrane Variante etwa besticht durch Mozzarella-Käse, garniert mit Tomate. Zwischen Toast und Käse darf dann eine Lage Knoblauch-Pesto für den besonderen Gaumenkitzel sorgen. Für die fruchtige Note sorgt eine Traube statt Kirsche, garniert mit frischem Basilikum.

Für Veganer darf es neuerdings auch eine Scheibe einer Käse-Alternative sein, etwa aus Milch von Nüssen hergestellt.

Längst darf sich der Schmelzkäse nicht mehr nur mit einer Ananasscheibe oder Cocktailkirsche schmücken. Zu den beliebtesten klassischen Varianten zählen zwar immer noch Birnen, ansonsten ist mittlerweile auf einem modernen Toast Hawaii so ziemlich alles an Frucht erlaubt, was die Natur zu bieten hat. So gibt’s etwa statt Kirsche Preiselbeeren oder Cranberries auf Backkäse satt.

Apropos Käse: Die klassische Schmelzkäse-Scheibe ist längst auch Emmentaler, Gouda, Roquefort oder Gorgonzola gewichen.

Damit nicht genug: Eine besonders exquisite Neuschöpfung garniert Brioche, mit Avocado-Creme bestrichen, mit grünem Spargel, Gänseleber, Wachtelbrust und einem Stückchen frischer Ananas.

Eine herzhaftere wie preisgünstigere Variante kombiniert Schweinefilet, Honigsenf, Pfirsiche, Frühlingszwiebeln, Chili und Gruyère auf Bauernbrot.

Und der bekannte deutsche Fernsehkoch Tim Mälzer hat einmal einen besonders lecker anmutenden Toast Hawaii kreiert, der sich aus Olivenöl, Walnussbrot, Serrano-Schinken, Thymianzweigen, Baby-Ananasscheiben und spanischem Hartkäse zusammensetzt. Der Fantasie scheinen keine Grenzen gesetzt.

Was würde wohl Clemens Wilmenrod dazu sagen, wenn er wüsste, was mittlerweile aus seinem klassischen Toast Hawaii geworden ist?

Vermutlich das, was er einmal in einem anderen Zusammenhang bemerkte, als es um Heringssalat auf bretonische Art ging:

„Eine Delikatesse bleibt eine Delikatesse, auch wenn sie wohlfeil ist.“

Artikel von: belmediaverlag.com
Artikelbild: fotolia © Bernd Jürgens (#74990091)